27.10.26, Herbsttagung bei Hotel von Rotz AG, Bronschhofen wrw Herbsttagung mit Auszeichnung TopLehrling und TopSTORYLehrling 2026
Wer in den vergangenen Wochen die Wirtschaftsnachrichten aus der Ostschweiz verfolgt hat, konnte durchaus ins Grübeln kommen. Unternehmen bauen Stellen ab, Produktionsstandorte stehen unter Druck, und ausgerechnet die Industrie, eine der grossen Stärken der Region, kämpft mit schwierigen internationalen Rahmenbedingungen. Ist die Lage tatsächlich so angespannt, wie es die Schlagzeilen vermuten lassen?
Diese Frage schwang am 27.10.2026 an der wrw-Herbsttagung im Hotel von Rotz in Bronschhofen mit. wrw-Präsidentin Michèle Jäger führte durch den Abend, Gastgeber war die Familie von Rotz. Zum Auftakt stellte die Stadt Wil ihre aktuellen Grossprojekte vor. Anschliessend zeigten Vertreter der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sowie der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell auf, wo die Region steht und welche Herausforderungen auf sie zukommen. Die Erkenntnis: Die Schwierigkeiten sind real. Gleichzeitig gibt es durchaus Gründe für Zuversicht.
Bahnhofplatz, Stadtentwicklung und grosse Verkehrsfragen
Die Herbsttagung eröffnete die Wiler Stadtregierung mit dem Gespräch «Politik und Wirtschaft». Stadtpräsident Andreas Breitenmoser sowie die Stadträte Manuel Nick und Lukas Reimann informierten über die Neugestaltung des Bahnhofplatzes, den Masterplan Zentrum, die Netzergänzung Ost und den Bau des Fernwärmenetzes. Ein Thema, das Wil derzeit besonders beschäftigt, ist die Neugestaltung des Bahnhofplatzes. Am 29. November entscheiden die Stimmberechtigten über das Projekt.
Manuel Nick erläuterte die geplanten Veränderungen mit dem neuen Bushof, der unterirdischen Velostation und der Neugestaltung des Bahnhofumfelds. Besonders die Kosten und die Dimensionierung der Verkehrsanlagen sorgten in der anschliessenden Fragerunde für Diskussionen. Der Blick der Stadt reicht allerdings weit über den Bahnhofplatz hinaus. Mit einem Masterplan soll die Entwicklung des gesamten Bahnhofgebiets langfristig koordiniert werden. Dabei spielen auch die Liegenschaften und Entwicklungsabsichten von Migros, Post, SBB und Helbling eine Rolle.
Netzergänzung Ost
Auch bei der Netzergänzung Ost laufen die Planungen weiter. Nach der öffentlichen Mitwirkung stehen die politische Auswertung und die weitere Verankerung im städtischen Verkehrsrichtplan im Vordergrund. Bei der weiteren Planung soll der Kanton eine zentrale Rolle übernehmen.
Fernwärme Wil: Bereits 3,1 Kilometer Leitungen erstellt
Konkreter wird die Zukunft bei einem anderen Wiler Grossprojekt. Stadtrat Lukas Reimann informierte über den Fortschritt beim Bau des Fernwärmenetzes, mit dem zukünftig Abwärme aus der Kehrichtverbrennungsanlage Bazenheid nach Wil transportiert werden soll. Gemäss Reimann sind bereits 3,1 Kilometer Leitungen erstellt. Weitere 2,4 Kilometer stehen noch aus. Bei der Druckerhöhungsstation konnte inzwischen das Aufrichtfest gefeiert werden. Eine wichtige Hürde ist ebenfalls genommen: Für die Querung der Autobahn im Bereich Lidl liegt laut Reimann die Bewilligung des Bundesamts für Strassen vor. Auch die Nachfrage entwickelt sich positiv. Bereits rund 40 Prozent der erwarteten Bestellungen seien eingegangen. Die ersten Kundinnen und Kunden sollen im vierten Quartal 2027 mit Fernwärme versorgt werden.
Auch Stadtpräsident Andreas Breitenmoser stellte sich gemeinsam mit seinen Stadtratskollegen den zahlreichen Fragen aus dem Publikum. Die Unternehmerinnen und Unternehmer nutzten die Gelegenheit, um ihre Anliegen direkt bei der Stadtregierung anzusprechen und über die weitere Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Wil zu diskutieren.
Schweizer Wirtschaft wächst stärker als erwartet
Nach dem Blick auf die Stadt weitete Urs Schönholzer, Direktionsmitglied der Schweizerischen Nationalbank, den Fokus auf die ganze Schweiz. Er hatte zunächst erfreuliche Nachrichten im Gepäck. Die Schweizer Wirtschaft hat sich im schwierigen internationalen Umfeld besser behauptet als erwartet. Noch im Frühjahr war die SNB zurückhaltend gewesen. Mittlerweile rechnet sie für 2026 mit einem Wirtschaftswachstum von 1,5 bis 2 Prozent. Das ist deutlich mehr als die ursprünglich erwarteten rund ein Prozent.
Während einzelne Industriezweige weiterhin kämpfen, läuft es in anderen Bereichen gut. Urs Schönholzer nannte unter anderem die Medizinaltechnik, die Energietechnik und die Rüstungsindustrie. Auch die milliardenschweren Investitionen in Infrastruktur für künstliche Intelligenz schaffen zusätzliche Nachfrage. Hinzu kommt eine stabile Entwicklung in der Bauwirtschaft und im Dienstleistungssektor. Allerdings bleiben Unsicherheiten bestehen. Insbesondere die amerikanische Handelspolitik und die Entwicklung der Energiepreise könnten die Konjunktur belasten.
Was haben Tesla, Dopingkontrollen und Lebensmittel gemeinsam?
Wie stark die Ostschweiz mit der Weltwirtschaft verflochten ist, zeigte anschliessend Jan Riss, Chefökonom und stellvertretender Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell. Er nahm die Anwesenden auf eine gedankliche Reise durch den Ostschweizer Werkplatz mit. Da sind hochspezialisierte Membrane aus Heiden, Produkte für Dopingkontrollen aus Ganterschwil oder Maschinen für die Lebensmittelindustrie aus Uzwil. Technologien, die teilweise kaum jemand kennt, die aber weltweit zum Einsatz kommen. Allein rund zwei Milliarden Menschen weltweit konsumieren gemäss Jan Riss täglich Lebensmittel, die mithilfe von Maschinen und Anlagen aus Uzwil hergestellt oder verarbeitet werden. Diese Beispiele verdeutlichen die industrielle Stärke der Ostschweiz. Sie zeigen aber auch, weshalb internationale Entwicklungen die Region besonders stark treffen.
Die Industrie unter Druck – aber die Stimmung verbessert sich
Besonders die schwache deutsche Industrieproduktion macht vielen Ostschweizer Zulieferbetrieben zu schaffen. Hinzu kommen Handelshemmnisse und Unsicherheiten im Geschäft mit den USA. Wie stark sich die Automobilindustrie verändert, verdeutlichte Jan Riss anhand eines eindrücklichen Beispiels: Während ein Autounterboden früher aus rund 200 Einzelteilen zusammengesetzt wurde, kann er heute aus einem einzigen Stück gefertigt werden. Was für die Automobilhersteller eine effizientere Produktion bedeutet, hat für die Zulieferbetriebe weitreichende Folgen. Zahlreiche Komponenten werden schlicht nicht mehr benötigt. Besonders betroffen ist die Ostschweiz, wo viele Unternehmen aus der Automobilzulieferindustrie ansässig sind.
Jan Riss machte deutlich, dass sich die jüngsten Entlassungen und Firmenschliessungen nicht einfach wegdiskutieren lassen. Dahinter stehen Unternehmen, Arbeitsplätze und Menschen. Gleichzeitig warnte er davor, daraus einen generellen Niedergang der Ostschweizer Industrie abzuleiten. Denn die jüngsten Konjunkturdaten zeigen auch eine andere Seite: Nach einer längeren schwierigen Phase hat sich die Geschäftslage in der Ostschweiz wieder verbessert. Besonders die Bauwirtschaft entwickelt sich erfreulich. Auch bei der Beschäftigung gibt es positive Signale. Für Jan Riss bleibt die Industrie ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Umso wichtiger seien Innovation, die Erschliessung neuer Märkte und die Fähigkeit, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen.
Zwischen Zuversicht und Realität
Die Herbsttagung machte deutlich, wie stark die Region Wil im Wandel steht. Die exportorientierte Industrie muss sich auf neue wirtschaftliche Realitäten einstellen, während die Stadt Infrastruktur für die nächsten Jahrzehnte plant. Die jüngsten wirtschaftlichen Rückschläge sind damit nicht aus der Welt geschafft. Doch die Ausführungen der Experten zeigten auch, dass die Ostschweiz trotz aller Schwierigkeiten über industrielle Stärke, Innovationskraft und wirtschaftliche Perspektiven verfügt.
Den Höhepunkt zum Schluss der Herbsttagung bildete die Auszeichnung der besten Lernenden aus der Region. Sieben junge Berufsleute wurden als «TopLehrling 2026» geehrt. Zusätzlich wurde der Preis «TopSTORYLehrling 2026» verliehen.
Das sind die besten Lernenden der Region Wil
Während an der wrw-Herbsttagung über die wirtschaftlichen Herausforderungen und die Zukunft des Industriestandorts diskutiert wurde, gehörte der letzte Programmteil ganz den jungen Berufsleuten. Im Hotel von Rotz in Bronschhofen wurden die TopLehrlinge 2026 ausgezeichnet. 31 Bewerbungen waren für die diesjährige Auszeichnung eingegangen. Sieben der acht Berufskategorien waren vertreten. Am Ende durften sieben Lernende eine Auszeichnung entgegennehmen. Ihre Abschlussnoten lagen zwischen 5,2 und 5,6.
TopLehrling 2026: Julian Harder erzielt mit 5,6 die Bestnote
Das beste Resultat aller ausgezeichneten Lernenden erzielte Julian Harder. Der Laborant bei IGP Pulvertechnik AG schloss seine Ausbildung mit der Note 5,6 ab und wurde als TopLehrling in der Kategorie Technik ausgezeichnet. Knapp dahinter folgten gleich mehrere junge Berufsleute mit der hervorragenden Note 5,5. Dazu gehören Ramona Allenspach von der Bäckerei Eberle in der Kategorie Detailhandel, Selma Maria Dürmüller von der Kita Wil in der Kategorie Gesundheit sowie Thomas Ott von der Wecotech AG.
Auch die weiteren ausgezeichneten Lernenden überzeugten mit starken Leistungen. Nicole Kappeler aus der Reklametechnik erreichte die Note 5,4, Lena Hilber von der Fust AG wurde in der Kategorie Bau mit der Note 5,3 ausgezeichnet. Yuna Lee von IGP Pulvertechnik AG erhielt mit der Note 5,2 die Auszeichnung im kaufmännischen Bereich.
Ausgezeichnet wurden in den Berufskategorien:
- Technik: TopLehrling Julian Harder, 5,6 (IGP Pulvertechnik AG)
- Detailhandel: Ramona Allenspach, 5,5 (Bäckerei Eberle)
- Gesundheit: Selma Maria Dürmüller, 5,5 (Kita Wil)
- Industrie: Thomas Ott, 5,5 (Wecotech AG)
- Gewerbe: Nicole Kappeler, 5,4 (Reklame-Technik AG)
- Bau: Lena Hilber, 5,3 (Fust AG)
- KV: Yuna Lee, 5,2 (IGP Pulvertechnik AG)
TopSTORYLehrling 2026: Selina Sieber macht aus Stoffresten Taschen
Neben den ausgezeichneten Lehrabschlüssen stand auch eine junge Berufsfrau im Mittelpunkt, die mit einer eigenen Geschäftsidee überzeugte. Selina Sieber absolviert ihre Ausbildung zur Wohntextilgestalterin EFZ bei Glaus + Söhne AG in Wil. Mit ihrem Projekt «ReBag» zeigt sie, wie sich überschüssige Stoffreste sinnvoll weiterverwenden lassen. Statt das Material ungenutzt zu lassen, entstehen daraus individuelle Taschen.
Die Idee verbindet Nachhaltigkeit mit handwerklichem Können und unternehmerischem Denken. Bereits 2025 hatte das Projekt Aufmerksamkeit erhalten: Gemeinsam mit Lea Debrunner gewann Selina Sieber die «myIdea-Challenge» in der Kategorie «Real Market». An der Herbsttagung erhielt sie nun die Auszeichnung «TopSTORYLehrling 2026». Überreicht wurde der Preis von Stefan Frick, Präsident des Gewerbevereins Wil und Umgebung.
Hinter guten Lernenden stehen auch gute Lehrbetriebe
Bei aller Freude über die hervorragenden Noten darf eines nicht vergessen gehen: Hinter jedem dieser jungen Berufsleute stehen Menschen, die sie während ihrer Ausbildung begleitet haben. Lehrmeister, die sich Zeit nehmen, auch wenn im Betrieb gerade viel los ist. Unternehmer, die Lehrstellen anbieten und in die Ausbildung investieren. Und Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, die ihr Wissen weitergeben. Die Auszeichnung der sieben TopLehrlinge ist deshalb auch ein schönes Kompliment an die Lehrbetriebe der Region.
Ausklang und Netzwerkpflege
Beim abschliessenden Apéro nutzten die Gäste die Gelegenheit zum Austausch und zur Netzwerkpflege. Ein herzliches Dankeschön gilt der Familie von Rotz für die Gastfreundschaft im Hotel von Rotz in Bronschhofen.
Die Präsentationsunterlagen finden Sie hier:
Präsentation Herbsttagung / TopLehrling / TopSTORYLehrling
Einige Impressionen des Abends:





























































